Wie lange kann ein trauernder Ehemann imaginäre Gespräche fortsetzen? Kann künstliche Intelligenz einen Witwer und seine geliebte Frau wiedervereinigen, physisch im Hier und Jetzt? Was macht Technologie mit unseren intimsten Erfahrungen?
Bildende Künstlerin Kaat Pype verlor unerwartet ihre Mutter. Aus der Bindung zu ihrem Vater und ihrer geteilten Trauer entwickelte sie ein Fotografieprojekt. Sie fotografierte ihn in den Häusern von alleinstehenden Frauen seiner Generation, Interieurs, in denen auch jemand vermisst wird, als ob er dort schon zwanzig Jahre wohnen würde. Regisseur Yves Degryse filmte diese Begegnungen und machte eine Making-of-Dokumentation. Kaat, ihr Vater und Yves stehen zusammen mit Musikerin Berlinde Deman auf der Bühne. Auf der Bühne spricht er mit seiner verstorbenen Frau. Jeden Abend aufs Neue. Jeden Abend anders.
In Sonder wird die Grenze zwischen Leben und Tod vorübergehend durch künstliche Intelligenz aufgehoben. Waar Orpheus in dem griechischen Mythos die Unterwelt eindringt, um seine geliebte Eurydice zurückzuholen, nutzt Sonder Technologie, um die Stimme, die Anwesenheit und sogar das physische Erscheinen einer verstorbenen Frau erneut heraufzubeschwören. Die Vorstellung schiebt so eine zeitgenössische Variante eines uralten Motivs vor: den Versuch, die Toten nah zu halten. Die Technologie in Sonder ist kein Wundermittel, sondern eine Öffnung. Eine Öffnung, durch die Liebe noch kurz atmen kann, bevor die Stille sie erneut einholt.