Claude Le Jeune wurde von seinen Zeitgenossen als rechtmäßiger Erbe von Orlandus Lassus betrachtet. Aber ein langweiliger Nachahmer war er nicht. Als überzeugter Hugenotte gab Le Jeune dem Psalm eine eigene Stimme: rhythmisch scharf, überraschend chromatisch und angetrieben von der Kadenz der französischen Sprache. Mehrstimmigkeit à la Le Jeune, das klingt nachdenklich und rebellisch zugleich – wie Polyphonie, die sich der sich wandelnden Zeit bewusst ist und dadurch selbst unter Hochspannung gerät. Huelgas Ensemble – seit mehr als einem halben Jahrhundert die internationale Referenz in diesem Repertoire – bricht eine Lanze für diesen unterschätzten Komponisten. Die Sänger lassen Le Jeunes Psalmen mit analytischer Schärfe und expressiver Freiheit erklingen, ganz im Dienste des Mannes, der das mehrstimmige Europa in Richtung Zukunft drängte.