An einem Weihnachtsabend wird Martine Delvaux beim Hören von Ne me quitte pas, interpretiert von Nina Simone, von Schluchzen ergriffen. Woher kommen diese Tränen? In dieser plötzlichen Verletzlichkeit identifiziert die quebecische Autorin die Konturen eines neuen Schreibprojekts. Nach insbesondere dem männlichen Unter-sich (Le Boys Club), dem Kampf gegen die Klimakrise (Pompières et pyromanes), den weiblichen Solidaritäten (Il faut beaucoup aimer les femmes qui pleurent) oder dem künstlerischen Porträt einer großen Künstlerin, die im Schatten geblieben ist (Ça aurait pu être un film), hört die Autorin von Thelma Louise und mir diesmal das Verhältnis der Frauen zu ihren Stimmen zu ergründen. Und nicht irgendwelche: diejenigen, die man Divas nennt.
De Nina Simone zu Beyoncé
Ni Roman, weder Biografie noch Essay, Divas ist eine sensible und umfassende Untersuchung über diese Star-Sängerinnen, die ihre Stimme in einer patriarchalischen Welt erklingen ließen und die den Preis dafür bezahlt haben. Um die Leitfigur von Nina Simone herum erscheinen bald Maria Callas, Barbara, Céline Dion, Whitney Houston, Amy Winehouse, Madonna, Beyoncé und überlagern sich mit Martine Delvaux selbst. Denn neben biografischen Anekdoten und einer Untersuchung über Ehrgeiz und Schöpfung bei Frauen ist es auch eine Reflexion über das Schreiben, das gerade entsteht, der sich Martine Delvaux vor unseren Augen hingibt. Das genaue Gegenteil von Stille.
Bereits gelesen und bewundert von ihren Kolleginnen Titiou Lecoq und Louise Chennevière, wird Divas einen wichtigen Moment des literarischen Herbstanfangs markieren. In Brüssel wird Martine Delvaux von Lisette Lombé befragt, Nationaldichterin (2024-2026) und plurale Künstlerin, deren Collagen eine Reihe von Divas einbeziehen. Eine einzigartige Gelegenheit, diese beiden kraftvollen Stimmen im Zeichen von Flamboyanz, Schöpfung und Übertragung dialogisieren zu hören.
Über Divas:
„Es gibt all unsere Leben in diesem Thema.“
Titiou Lecoq
Über die Autorin
Martine Delvaux ist eine quebecische Schriftstellerin, Romanautorin und Essayistin. Literaturprofessorin in Montreal, hat sie insbesondere Thelma, Louise et moi (éds. Héliotrope), Le monde est à toi (éds. Les Avrils), Pompières et Pyromanes (éds. Les Avrils), Le Boys club (éds. Payot) veröffentlicht. 2024 wurde Ça aurait pu être un film (éds. Héliotrope) für den Prix Médicis essai ausgewählt.
Über die Moderatorin
Lisette Lombé wurde in Lüttich geboren. Plurale Künstlerin, Grenzgängerin, sie belebt sich durch poetische, szenische, plastische, militante und pädagogische Praktiken. Mitbegründerin des Kollektivs L-SLAM, war sie Finalistin des Prix Médicis 2023 mit ihrem Roman Eunice (éds. du Seuil) und wurde mehrfach für ihre Texte ausgezeichnet. Nachdem sie von 2024 bis 2026 Dichterin Belgiens war (Et nos poèmes resteront émeutes ist bei maelstrÖm reEvolution veröffentlicht), hat sie gerade (mit Julie Lombé und Joëlle Sambi) La Vie, même pas peur von Maya Angelou zu Bildern von Basquiat (CotCotCot éditions) übersetzt.