Kae Tempest, einer unserer größten zeitgenössischen Dichter, nimmt sich eine Tragödie von Sophokles vor, die sich auf die Figur des Philoktet, eines Kriegshelden, konzentriert. Nur dass diesmal alle üblichen Helden verschwunden sind, die Götter den Himmel verlassen haben und es die Überlebenden sind, Frauen und Sterbliche, die die Welt heilen, ernähren und instand halten. Als einzige Kulisse ein Strand, der mit Abfall und chemischen Dämpfen übersät ist. Dennoch wird er Paradis genannt, denn dort, wo das Chaos wächst, wächst auch die Hoffnung. Gott ist hier ein Chor von Frauen, sie lassen den Topf kochen und helfen einander.
Denis Laujol inszeniert zum ersten Mal in französischer Sprache diese visionäre und zutiefst menschliche Erzählung: Wäre es nicht an der Zeit, unsere männlichen Helden, die in blutige und ewige Kriege gezogen sind, durch kollektive Figuren zu ersetzen, die sich um das Lebendige kümmern? Getragen von zehn hochkarätigen Schauspielerinnen und Schauspielern, darunter Denis Lavant, ist das Stück ein Schrei nach Freiheit und Aufruhr.
Als Künstler und engagierter Bürger macht Denis Laujol aus dieser leuchtenden Inszenierung eine Echokammer der politischen Entscheidungen, die das gesamte Leben auf der Erde belasten. Der aggressive Extraktivismus führt zur Klimakatastrophe und zersetzt unseren Planeten. Es erscheinen uns dann die Bilder des Elends von Lampedusa, der vom Aussterben bedrohten Arten, der angekündigten Ressourcenknappheit, und alle sind miteinander verbunden. Denis Laujol gelingt es mit Sensibilität, uns das zu vermitteln, was die Erzählungen von Sophokles und Kae Tempest enthalten:
das unendlich Große und das unendlich Kleine, das schrecklich Grausame und die erhabene Hoffnung.