Die Marienvesper (1610) von Claudio Monteverdi ist so viel mehr als ein kirchliches Abendgebet. Der Maestro der San Marco geht vom traditionellen Vesperrezept aus – einer Kombination aus Psalmen, Hymnen und Cantica –, transformiert es aber zu einem Klangspektakel der Extraklasse. Oper und Liturgie, alt und neu, fromm und sinnlich: alles prallt aufeinander und verschmilzt zu einem grandiosen Entwurf. Die Partitur atmet den Raum der Basilika, in der Monteverdi den Klang der Zukunft entwarf, als ob die verzierten Galerien, Balkone und Chorgestühle die Klangarchitektur inspiriert hätten. Monteverdi ist genial mit Stimmen, bedient sich aber auch der Cornetti, Posaunen, Streicher, Orgel und des Continuo – nicht als Dekorelemente, sondern als Farben auf einer Palette. Manche Passagen sind monumental, andere nüchtern und erzählend oder explizit virtuos. In diesem meisterhaften Labyrinth lässt es sich gut verweilen bei Vox Luminis: einem Kollektiv von Klangperfektionisten mit dem Kopf in den Quellen und dem Herzen auf der Zunge.